Vorwort:
Daheim bei meinen Eltern, da gab es ein paar Kilometer weiter
diesen Ort. Ein alter Steinbruch mitten im Wald mit einigen Seen, die so eigentlich
nicht geplant waren: Der Granit wurde vor vielen Jahrzehnten dort abgetragen,
die Arbeit hinterließ ihre Spuren in Form von tiefen Gruben im Stein, die
mit der Zeit mit Regenwasser volliefen.
Und wer sich jetzt einen kleinen Tümpel mit brackigem Wasser vorstellt, der
liegt falsch: Angeblich bis zu 30 Meter tief waren diese drei Seen. Das Wasser
war erstaunlich klar, und die Größe taugte zum Schwimmen - so man sich denn
traute, denn das Wasser war bis auf wenige Tage im Hochsommer fürchterlich
kalt und taugte somit tagsüber nur zum kurzen Abkühlen nach einem langen Sonnenbad.
Nachts jedoch gaben die Granitplatten, die an der einen Uferseite
des Sees hoch aufragten, die am Tag gesammelte Wärme an das Wasser ab. So
saßen wir da, viele Abende, aßen, redeten und lachten am Lagerfeuer, und mehrmals
im Laufe des Abends gingen wir hinunter zu Wasser. Wir zogen uns aus und schwommen
unsere Runden in dem warmen See, der schwarz glänzte. Es war kein bedrohliches
Schwarz, sondern es war ... elegant.
Ich weiß nicht, ob ein See das sein kann, aber ich empfand es so.
Anfang der 90er ging der Abbau von Granit wieder los, und wir
waren auf den Beinen, um "unseren See" zu retten. Vorrangig natürlich unsere
Möglichkeit, uns dort zu treffen und zu baden, doch es war erstaunlich, wer
sich in dieser Kleinstadt alles für diesen See einsetzte.
Erst, als der Abraum weiter vorangeschritten war, wurden uns die Wunden bewußt,
die der See mit dem Abbau erfahren hat: Ganz nah an einer Seitenwand des Sees
wurde Granit abgebaut, und obwohl uns versprochen wurde, daß der See keinen
Schaden nehmen würde, hat er einen Riß in dieser Wand erlitten, durch den
wenig, aber kontinuierlich Wasser drang. Im Nachhinein wurde uns gesagt, daß
eine Sprengung (die für den Abbau notwendig war) natürlich nicht so präzise
und vorhersagbar sei und mit so etwas immer zu rechnen sei.
Ich glaube, der See hatte damals einen halben Meter Wasserstand
eingebüßt, und jeder Zentimeter wurde von uns mit Sorge beobachtet.
Es muß wohl damals gewesen sein, als ich zum ersten Mal gemerkt habe, wie
klein und hilflos man gegenüber so großen Instanzen wie Mutungsrecht und großen
Firmen sein kann.
Das Problem mit dem Abbau löste sich damals recht unkonventionell, denn der Betreiber ging pleite. Der See hat - so habe ich mir sagen lassen, ich war zu der Zeit schon umgezogen - seine Wunden von selbst geschlossen: Der Spalt in der Wand hat sich anscheinend durch Schwebstoffe und Zweige zugesetzt, und der See verliert inzwischen kaum mehr Wasser.
Oft gibt es so eine Nacht, wo ich gerne dort wäre.
Viele Dinge erzählen, ins Lagerfeuer starren, sich wohlfühlen.
Langsam zum Wasser gehen und quer über die große schwarze Fläche träumen.
Sich vom See willkommen heißen lassen.
Und wenigstens mal die Füße ins Wasser stecken.